Wenn der Körper andere Regeln hat

April 20, 2022

Naturweg als Symbol für den Weg mit ME/CFS und Long Covid

Kennst du das folgende Szenario auch? Du solltest dich eigentlich ausruhen, weil dein Körper schon sehr erschöpft ist. Dennoch gibt es etwas, was du noch unbedingt machen möchtest. Du musst dann eine Entscheidung treffen: Über deine Grenzen gehen, oder auf deinen Körper hören.

Solche Momente erleben wohl die meisten chronisch kranken Menschen, speziell auch ME/CFS- und Long-Covid-Betroffene.
Die Balance zu finden zwischen ausruhen und am Leben teilnehmen, das ist tagtäglich eine grosse Herausforderung. Was mir dazu im Moment durch den Kopf geht und wie ich das selber erlebe, liest du in folgendem Artikel.

Machen ist wie wollen - nur krasser

"Machen ist wie wollen - nur krasser", diesen Sinnspruch habe ich kürzlich in einem Magazin (1) gelesen, jemand hat ihn sich für die Motivation über den Schreibtisch gehängt. Ich bin an diesem Satz hängengeblieben.

Der Artikel hatte den Titel "Das Leben spüren". Es ging um das Jetzt. Es ging darum, das Leben auszukosten und wichtige Pläne nicht auf "später" zu verschieben und so das eigentliche Leben zu verpassen wegen abendlichem Netflix gucken und Pizza essen. 

Meiner Meinung nach war es ein wirklich gut geschriebener Text. Mit vielen tollen Tipps für mehr Motivation, Begeisterung und wie man neue erfüllende Routinen in sein Leben integrieren kann. Wenn dich übrigens das Thema interessiert, kann ich dir auch das Interview mit der Glücksexpertin Kristen Truempy sehr empfehlen. So weit so gut.

Wollen aber nicht können - auch krass

Was ist aber, wenn man das gerne möchte, man aber wegen einer körperlichen Krankheit nicht kann? Man will, aber kann nicht. Nicht weil einem die Motivation, die Ideen oder die Routine fehlt, sondern weil der Körper einfach streikt. So im Sinne von "wollen aber nicht können - auch krass".

Wenn man chronisch krank ist, ist es sehr wichtig, gut auf sich achtzugeben. Selbstverständlich ist das auch wichtig, wenn man gesund ist, aber der Körper verzeiht einem dann mehr und mag mehr aushalten.

Mit einer chronischen Krankheit ist ein Übertreten der Leistungs- und Belastungsgrenze häufig mit einer Verschlechterung des Zustandes verbunden, gerade für eine Krankheit wie ME/CFS ist das typisch (sog. Belastungsintoleranz bzw. Postexertionelle Malaise). Die Symptomverschlechterung kann dann Stunden, Tage oder sogar Wochen anhalten. Es lohnt sich also, diese Grenze nicht zu überschreiten und sich zu schonen und genügend auszuruhen. Selbstfürsorge ist zentral.

Das Leben passt nicht ins Energiefenster 

Und ja, manchmal liegt diese Grenze extrem tief. Was ist, wenn man sogar komplett bettlägerig ist oder nur wenige Stunden pro Tag ein kleines Stückchen Energie zur Verfügung hat? Wofür gibt man diese Energie dann aus?

Für eine Nachricht, die man schreibt? Für ein Telefonat, das man erledigt? Für eine gesunde Mahlzeit, die man sich zubereitet? Für einen kurzen Spaziergang, den man durch die Natur macht? Oder braucht man die Energie für die Sozialkontakte, die man pflegt? Für eine Beziehung, die man lebt? Für eine Teilzeitstelle, der man nachgeht? Oder braucht man die Energie für ein Hobby, das einem erfüllt? Macht man ein bisschen vom Sport, den man so liebt? Die Liste könnte ich unendlich lange weiterführen.

Man bringt nie und nimmer alles auf die Reihe, das ist schlichtweg unmöglich. Es fühlt sich an, als ob das Leben nicht genügend Platz hätte. Als ob man ständig in irgendwelchen Bereichen, die einem wichtig sind, Abstriche machen muss.

Ein krasses Prioritätensetzen, einteilen und planen ist da unabdingbar. Und ja, das ist frustrierend. Und für mich persönlich einer der grössten Herausforderungen im Umgang mit der Krankheit CFS/ME. Und trotzdem ist es absolut zentral, diese Grenze nicht ständig zu überschreiten. 

Den Körper nicht pushen und Grenzen einhalten

Denn was passiert, wenn man diese Grenze immer wieder überschreitet?

Bei ME/CFS spricht man von Postexertioneller Malaise (PEM) – eine Symptomverschlechterung nach körperlicher, geistiger oder emotionaler Belastung, die über die eigene Belastungsgrenze hinausgeht. Das Tückische daran: Die Verschlechterung tritt oft erst Stunden oder sogar einen Tag später auf. Man merkt also nicht sofort, dass man zu viel getan hat.

Was ich inzwischen auch verstehe: Nicht nur körperliche Aktivität, sondern auch Stress, Aufregung oder emotionale Belastung können das Nervensystem überfordern und eine solche Reaktion auslösen. Unser Nervensystem spielt dabei eine zentrale Rolle – es reguliert, wie viel unser Körper verarbeiten kann. Ist es dauerhaft überreizt, braucht es entsprechend mehr Ruhe und Schonung, um sich zu stabilisieren.

Das Energiekonto als Bankkonto betrachten

Ein hilfreicher Vergleich, den ich sehr anschaulich finde: Unsere Energie ist wie ein Bankkonto. Wenn wir chronisch krank sind, ist dieses Konto ziemlich leer. Es braucht also viel Ruhe und Entspannung, um es langsam wieder aufzufüllen. Es gilt achtsam zu sein, welche Aktivitäten wie viel Energie verbrauchen. Und ist ein bisschen etwas auf dem Konto, muss man sich überlegen, ob es sinnvoll ist, das ganze Guthaben wieder auszugeben – oder sogar ins Minus zu fallen.

Und das ist genau das, womit ich mich die letzten Wochen wieder etwas intensiver beschäftige bzw. wieder vermehrt darauf achte.

Ja, ich tendiere ehrlich gesagt dazu, sobald etwas auf dem Bankkonto ist, dies wieder auszugeben (energiemässig meine ich das), da ich einfach so unglaublich Freude daran habe und es mich erfüllt, wenn ich auch ein bisschen am Leben teilhaben kann.

Aber vernünftig ist das nicht immer, denn danach ist es umso schwieriger, das Konto wieder zu füllen, ohne in den Minusbereich zu fallen. Denn so oder so fallen täglich einige Dinge an, die getan werden müssen und einen Grundstock an Energie vom Konto verbrauchen. 

Daher versuche ich bewusster darauf zu achten, wie viel Energie ich wofür einsetze. Weniger ausgeben ist mehr – auch wenn das manchmal bedeutet, Pläne anzupassen oder zu verschieben.

Das ist nicht immer leicht. Aber ich habe gelernt, das weniger als Verzicht zu sehen, sondern mehr als eine Form von Selbstfürsorge und Respekt gegenüber meinem Körper. Ein voller Akku – auch wenn er klein ist – gibt mir mehr Handlungsspielraum als ein ständig leerer.

Ich mache (fast) täglich mein Bett

Daher orientiere ich mich weniger an Sprüchen wie „Machen ist wie wollen – nur krasser" oder „Man kann dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben." Diese Sätze sind gut gemeint – aber sie passen nicht zu einer Realität, in der der Körper schlicht andere Regeln hat.

Stattdessen orientiere ich mich an kleinen, machbaren Dingen. Zum Beispiel daran, dass ich mein Bett am Morgen mache. Simpel – aber wirkungsvoll. Denn egal, wie der Tag verläuft: Ich habe etwas geschafft. Und das gibt mir ein gutes Gefühl.

Inzwischen weiss ich: Kleine Schritte sind nicht weniger wert als grosse. Sie sind oft sogar klüger. Und sie summieren sich – langsam, aber sicher.

Kennst du diesen Balanceakt auch? Wie gehst du damit um? Ich freue mich über deine Gedanken in den Kommentaren. 

(1) Für Sie, 06/2022

Mehr zur 1:1 Begleitung bei ME/CFS & Long Covid

Für Betroffene, die sich auf ihrem Weg Unterstützung wünschen – persönlich, behutsam, in deinem Tempo.

  • Das mit dem Bett machen ist ein guter Tipp, nur eine kleine Anmerkung von mir: Ich lege die Bettdecke morgens kurz über einen Wäscheständer & öffne das Fenster, so kann sowohl die Decke als auch die Matratze optimal durchlüften & allenfalls trocknen, weil über Nacht hat sich Wärme angestaut und vielleicht hat man auch geschwitzt. So mache ich morgens mein Bett und es fühlt sich nachher frisch und gut an 🙂 Herzliche Grüsse Debi

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