Wenn jemand, den wir lieben, mit einer chronischen Erkrankung wie ME/CFS oder Long Covid lebt, wollen wir helfen. Wir fragen nach, wir hören zu, wir machen uns Sorgen. Das ist Liebe – und das spüren Betroffene auch.
Und trotzdem gibt es Dinge, die wir gut meinen und die unbewusst das Gegenteil bewirken. Nicht weil wir es falsch machen. Sondern weil chronische Erkrankungen das Nervensystem auf eine Weise beeinflussen, die nicht immer intuitiv ist.
Besonders relevant ist das für Menschen, die aktiv mit Nervensystemregulation, Brain Retraining oder anderen körperorientierten Ansätzen arbeiten. Viele versuchen bewusst, dem Gehirn und Nervensystem wieder mehr Sicherheit statt Gefahr zu vermitteln. Dabei geht es nicht darum, Symptome zu ignorieren oder sich etwas einzureden – sondern darum, aus einem dauerhaften Alarmzustand auszusteigen. Kommunikation und zwischenmenschliche Interaktionen spielen dabei oft eine grössere Rolle, als vielen bewusst ist.
Dieser Artikel richtet sich an beide: an Menschen im Umfeld – und an Betroffene, die vielleicht schon lange das Gefühl hatten, dass manche Gespräche sie mehr anstrengen als aufbauen. Vielleicht hilft es, diesen Artikel einfach jemandem weiterzuschicken.
Was im Gehirn passiert – ganz kurz erklärt
Unser Gehirn ist ein Muster-Erkenner. Was wir oft denken, fühlen oder erleben, wird mit der Zeit zur Gewohnheit – neurologisch gesprochen werden diese Verbindungen stärker, je öfter sie genutzt werden. Das ist grundsätzlich eine wunderbare Eigenschaft. Beim Lernen, beim Aufbauen von Freude, beim Entwickeln neuer Fähigkeiten.
Bei chronischer Erkrankung kann dieses System aber auch dazu führen, dass das Gehirn sehr geübt darin wird, Symptome wahrzunehmen, Bedrohung zu registrieren und Schutzreaktionen auszulösen – auch dann, wenn die ursprüngliche Ursache längst nicht mehr so präsent ist.
Das bedeutet: Sprache, Gedanken und auch Gespräche können das Nervensystem aktivieren – in Richtung Sicherheit oder in Richtung Stress. Und das ist kein Einbilden. Das ist Neurobiologie.
Was viele nicht wissen: Soziale Ausgrenzung oder das Gefühl, nicht verstanden zu werden, kann im Gehirn ähnliche Reaktionen auslösen wie körperlicher Schmerz. Das Umfeld ist also nicht nur emotional wichtig – es wirkt sich direkt auf das Nervensystem aus. Positiv wie negativ.
Warum „Wie geht es dir?" nicht immer hilfreich ist
Diese Frage stellen wir aus Fürsorge. Aber für jemanden mit ME/CFS oder Long Covid bedeutet sie oft: Jetzt scanne ich meinen Körper. Wie sind die Symptome heute? Was kann ich berichten? Was erwartet die andere Person?
Das ist anstrengend. Und es lenkt die Aufmerksamkeit unweigerlich auf das, was nicht stimmt.
Dazu kommt: Viele Betroffene haben das Gefühl, dass sie auf diese Frage ehrlich antworten müssen – und ehrlich bedeutet oft, das Negative in den Vordergrund zu stellen. Das ist nicht jammern. Das ist eine völlig nachvollziehbare Reaktion auf eine gut gemeinte Frage.
Was stattdessen hilft – konkret
Frag nach dem Positiven – nicht aus Optimismus-Zwang, sondern gezielt:
Statt (mehrmals) täglich „Wie geht es dir?" können auch solche Fragen hilfreich sein:
- „Hast du in letzter Zeit etwas bemerkt, das sich besser angefühlt hat?"
- „Gibt es irgendetwas, von dem du dir mehr wünschst?"
- „Was war heute angenehm – auch wenn es klein war?"
- "Was würde dir grad gut tun, wie kann ich dich am besten unterstützen?"
Das fühlt sich vielleicht komisch an am Anfang. Aber es verschiebt die Aufmerksamkeit – und das hat Auswirkungen, die über das Gespräch hinausgehen.
Vermeide Krankheits-Sprache soweit möglich:
Wörter wie Müdigkeit, Schmerz, Crash oder Symptome können im Gehirn Assoziationen und Reaktionen auslösen, die mit diesen Erfahrungen verknüpft sind. Sie erinnern das Nervensystem – oft unbewusst – an genau das, was man eigentlich loslassen möchte. Das ist keine Kleinigkeit.
Ihr könnt euch zum Beispiel gemeinsam einen lustigen Ersatzbegriff ausdenken, wenn ihr über schwierige Phasen sprechen wollt. Das klingt absurd, funktioniert aber erstaunlich gut und bringt auch etwas Leichtigkeit in ein schwieriges Thema.
Vermeide gut gemeinte Warnungen:
Sätze wie „Pass auf, dass du dich nicht überanstrengst" oder „Du solltest das vielleicht noch nicht versuchen" sind gut gemeint – aber sie können bei der betroffenen Person unbewusst Anspannung auslösen. Und sie nehmen der betroffenen Person das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.
Besser: Vertrauen zeigen. „Du weisst am besten, was für dich passt."
Lass Raum – ohne zu drängen:
Nicht jeder Tag ist ein Gespräch-Tag. Manchmal ist die hilfreichste Unterstützung einfach präsent zu sein, ohne zu fragen, ohne zu analysieren, ohne zu helfen. Einfach da sein.
Wenn jemand gerade in einer schwierigen Phase ist – kurz erinnern, nicht vertiefen:
Wenn du merkst, dass es jemandem gerade nicht gut geht, ist der Impuls oft, nachzufragen, zu helfen oder zu analysieren. Was aber manchmal mehr hilft: die Person kurz und liebevoll daran erinnern, dass sie ihre eigenen Strategien hat, die ihr gut tun. Ein einfaches „Du weisst was dir hilft – ich bin da" reicht. Kein tiefes Gespräch nötig, kein gemeinsames Grübeln. Vertrauen statt Rettungsversuch.
Was Betroffene sich oft wünschen – aber selten sagen
Viele Menschen mit ME/CFS oder Long Covid haben über Jahre gelernt, ihre Umgebung zu schonen. Sie erklären wenig, fordern wenig, klagen wenig. Nicht weil es ihnen gut geht – sondern weil sie merken, dass es das Umfeld überfordert oder belastet.
Was sich viele insgeheim wünschen: behandelt zu werden wie jemand, der ein Leben lebt – nicht wie jemand, der krank ist. Einbezogen werden in normale Gespräche. Über andere Dinge reden. Lachen dürfen, ohne dass gleich jemand fragt ob man sich sicher ist, dass man nicht zu viel macht.
Das ist vielleicht die tiefste Form der Unterstützung: die Person zu sehen, nicht die Erkrankung.
Fortschritte aktiv spiegeln – aber richtig
Etwas das oft unterschätzt wird: Viele Betroffene berichten, dass sie positive Veränderungen bei sich selbst kaum wahrnehmen – oder sie kleinreden. Nach Jahren des Fokus auf Symptome fällt es schwer, Fortschritte überhaupt als solche zu erkennen.
Hier kann das Umfeld etwas sehr Wertvolles tun: Veränderungen benennen, die man von aussen sieht. Nicht als Bewertung, sondern als Beobachtung. „Ich habe das Gefühl, du wirkst heute irgendwie leichter" oder „Das hättest du vor ein paar Monaten noch nicht gemacht – das fällt mir auf." Das sind keine leeren Komplimente. Das ist echtes Spiegeln – und es kann helfen, das eigene Bild zu korrigieren.
Was dabei wichtig ist: nicht übertreiben, nicht drängen, nicht vergleichen. Einfach ehrlich benennen was man wahrnimmt – und dann loslassen. Die Person darf selbst entscheiden, was sie damit macht.
Ein letzter Gedanke
Niemand macht was falsch, der sich Sorgen macht. Fürsorge ist ein Geschenk. Aber manchmal lohnt es sich, die Art der Fürsorge ein bisschen anzupassen – nicht weil man es bisher falsch gemacht hat, sondern weil kleine Veränderungen manchmal einen grossen Unterschied machen können.
Und wenn du selbst betroffen bist und diesen Artikel gerade liest: Vielleicht hilft er dir, deinem Umfeld zu zeigen, was du dir wünschst – ohne es selbst erklären zu müssen.
ME/CFS und Long Covid Sprechstunde
Du bist von ME/CFS oder Long Covid betroffen und wünscht dir jemanden, der dich auf deinem Weg begleitet und unterstützt? Dann bist du hier richtig!


