Manuela erzählt – ehrlich, warm und aus über 20 Jahren Freundschaft
Über ME/CFS wird meist aus der Perspektive der Betroffenen geschrieben. Aber wie ist es für enge Freunde? Was bedeutet es, jemanden seit Jahrzehnten zu begleiten, dessen Energie so begrenzt ist?
Meine langjährige Freundin Manuela – wir kennen uns seit dem Gymnasium, seit über 20 Jahren – erzählt.
Manuela, magst du dich kurz vorstellen?
Ich heisse Manuela Ernst, arbeite beim Schweizerischen Roten Kreuz im Migrationsbereich und wohne mit meinem Partner in der Nähe von Bern.
Wie ist es für dich, mit Anna befreundet zu sein?
In vielerlei Hinsicht ist es wie jede andere gute Freundschaft: Wir teilen unsere Freuden und Sorgen und versuchen, füreinander da zu sein.
Dass Anna ME/CFS hat, bedeutet, dass wir vieles nicht gemeinsam erleben können, was mit anderen Freunden möglich wäre. Feste feiern oder Reisen planen ist schwierig. Und wenn wir uns zum Kaffee treffen, muss man bis kurz vorher damit rechnen, dass Anna kurzfristig absagt.
Für mich persönlich ist das nicht einschränkend – ich kann andere Dinge mit anderen Menschen unternehmen. Das Schwierige ist aber, auszuhalten, dass es ihr immer wieder so schlecht geht. Das macht einen als Freundin ohnmächtig.
Was ist das Schwierigste daran?
Das Schwierigste ist, die Ungerechtigkeit auszuhalten. Dass ich so viel Glück hatte und gesund bin, während Anna auf so vieles verzichten muss.
Ich fühle mich manchmal auch schlecht, wenn ich ihr von meinen Reisen oder Erlebnissen erzähle – im vollen Bewusstsein, dass sie das selbst nicht erleben kann.
Gleichzeitig denke ich, dass eine Freundschaft nie von Mitleid dominiert werden darf. Es muss immer ein Verhältnis auf Augenhöhe bleiben. Verständnis ja – Mitleid nein.
Gibt es auch Positives?
Ich konnte von Anna in all diesen Jahren sehr viel lernen. Ihr Durchhaltevermögen, ihre Fähigkeit, trotz allem immer wieder das Positive zu sehen und sich an kleinen Dingen zu freuen – das ist absolut beeindruckend.
Und vielleicht ist unsere Freundschaft gerade deshalb seit so vielen Jahren so tief. Weil sie sich auf das Wesentliche beschränkt. Auf echte Gespräche. Auf wirkliches Dasein.
Was würdest du anderen Freunden von Betroffenen mitgeben?
Seht diese Menschen als Menschen – nicht als Kranke. Die Krankheit ist nur ein Teil ihres Lebens. Im Vordergrund steht so viel anderes.
Auch mit ME/CFS ist vieles möglich, wenn man sich ein bisschen nach dem Rhythmus und den Energiereserven der betroffenen Person richtet. Sie bleiben unsere Freundinnen, Partner, Geschwister – Krankheit hin oder her.
Aus heutiger Perspektive
Manu, ich danke dir von Herzen für diese Worte – und für über 20 Jahre Freundschaft, die all das überdauert hat.
Anna arbeitet heute aktiv an ihrer Recovery. Und es ist schön zu wissen, dass Menschen wie Manuela diesen Weg mit ihr gehen – nicht aus Pflicht, sondern aus echter Verbundenheit.
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Für Betroffene, die sich auf ihrem Weg Unterstützung wünschen – persönlich, behutsam, in deinem Tempo.


