Wenn das Leben umleitet – meine Zeit auf Lanzarote

Oktober 12, 2022

Strasse auf Lanzarote als Symbol für einen neuen Weg trotz ME/CFS

Ein persönlicher Wendepunkt

Manchmal bringt uns das Leben genau dorthin, wo wir hinmüssen – auch wenn wir es nicht geplant haben.

Im Herbst 2003 bin ich gesundheitlich an einem Punkt, wo ich nicht mehr weiter weiss. Seit zwei Jahren lebe ich mit ME/CFS. Etliche Arztbesuche und Therapien liegen hinter mir – ohne spürbare Verbesserung.

Ratlos sitze ich in der Praxis meines Hausarztes. Auch er weiss nicht mehr weiter. Sein Vorschlag überrascht mich: „Vielleicht würde es helfen, einfach mal ein paar Monate auf eine einsame Insel zu gehen."

Mein erster Gedanke: Ziemlich absurd.

Sollte ich das Studium abbrechen?

Zu dieser Zeit studiere ich im zweiten Semester Ethnologie – eine Zwischenlösung, nachdem ich das geplante Medizinstudium wegen ME/CFS nicht antreten konnte. Eine bis drei Vorlesungen pro Woche, meine Eltern fahren mich hin und holen mich wieder ab. Den Nachmittag verbringe ich im Bett.

Als ich merke, dass es auch nach einem Jahr nicht aufwärts geht, frage ich mich: Wofür eigentlich?

Vielleicht war der Gedanke meines Arztes gar nicht so absurd.

Lanzarote ruft

Kurz darauf sitzt meine Mutter mit mir und meinen Eltern im Innenhof. Eine Freundin meiner Mutter – Elisabeth – kommt vorbei und bietet mir spontan an, einige Wochen in ihrem separaten Studio auf Lanzarote zu wohnen.

Plötzlich ist sie da, diese Gelegenheit. Ich überlege kurz – und sage zu.

Im Oktober 2003 sitze ich im Flugzeug Richtung Lanzarote. Einen grossen Koffer. Null Spanischkenntnisse. Keinen Plan, wie lange ich bleiben würde. Den Rückflug buche ich so weit in der Zukunft wie möglich: ein halbes Jahr später.

Der Alltag auf der Insel

Die ersten Wochen verbringe ich bei Elisabeth in Teseguite, einem kleinen Dorf im Landesinnern. Ich nehme Spanischstunden, mache kurze Ausflüge – mehr ist nicht drin.

Dann ziehe ich weiter in ein kleines Dörfchen direkt am Meer: Arietta. Ich besuche einen Bauchtanzkurs bei einer Russin – meine Tanzpassion begann tatsächlich auf Lanzarote – und eine Meditationsstunde.

Ellen die Homöopathin

Im Meditationskurs lerne ich Ellen kennen – Deutsche, Homöopathin, Yogalehrerin. Wir verstehen uns sofort.

Als ich alleine in meiner kleinen Wohnung hohes Fieber bekomme, laden Ellen und ihr Mann Rolf mich kurzerhand zu sich ein. Sie nehmen mich herzlich auf – und nehmen meine gesundheitliche Situation ernst.

In dieser Zeit komme ich neu mit der Homöopathie in Berührung. Ellens Wissen, ihre Lebensweise und ihre Menschlichkeit beeindrucken mich nachhaltig.

Puerto del Carmen

Später ziehe ich weiter nach Puerto del Carmen. Ich besuche dort einen Spanischkurs – was mich übrigens später zu meinem zukünftigen Ehemann führen wird. Aber diese Geschichte erzähle ich ein andermal. 

Die Symptome sind alles andere als weg. Es gibt Momente der Verzweiflung, wo ich alleine am Strand liege und nicht mehr weiter weiss. Mehrmals schaue ich einem Flugzeug nach und denke: „Anna, was machst du noch hier?"

Aber gleichzeitig tut es gut, in eine neue Welt einzutauchen. Zu merken, dass ich auch selbst irgendwie zu mir schauen kann.

Neue berufliche Perspektiven

In diesen sechs Monaten wird mir klar: Das Medizinstudium werde ich wegen ME/CFS nicht mehr schaffen. Und Ethnologie im Schneckentempo macht mich nicht glücklich.

Mein Interesse für Gesundheit brennt nach wie vor. Inspiriert von Ellen beschliesse ich: Ich mache eine Ausbildung als Naturheilpraktikerin mit Fachrichtung Homöopathie.

Noch von Lanzarote aus suche ich in Internetcafés nach Schulen in der Schweiz – ich habe damals keinen Laptop dabei, mein altes Handy ist nur für Notfälle. Ich finde passende Ausbildungen und beginne, meine Eltern zu überzeugen. Mein Vater braucht etwas Hartnäckigkeit – aber schliesslich gelingt es.

Zurück in die Schweiz

Ende März 2004, sechs Monate nach meiner Ankunft, nehme ich den Rückflug in die Schweiz.

Ich habe nicht die Gesundheit gefunden, die ich so sehnlichst gesucht hatte. Aber ich habe neue Menschen, neue Ideen und eine neue Richtung gefunden.

Im August 2004 starte ich die vierjährige Ausbildung zur Naturheilpraktikerin (Teilzeit). Der Grundstein für meinen Beruf war gelegt.

Zum besseren Verständnis: Die Ausbildung war zu 80% berufsbegleitend – während meine Mitschülerinnen arbeiteten, lag ich zu Hause im Bett und erholte mich. Eine liebe Mitschülerin holte mich häufig ab und brachte mich wieder nach Hause. Und kognitiv ging es mir damals – wie auch heute – besser als körperlich. Das ist bei ME/CFS nicht ungewöhnlich.

Es war alles andere als einfach. Aber ich habe es geschafft.

Rückblick

Lanzarote war ein Wendepunkt. Nicht weil ich dort gesund wurde. Sondern weil ich dort lernte, dass das Leben auch dann weitergeht – und neue Wege findet – wenn der ursprüngliche Plan nicht funktioniert.

Allen Menschen, die ich dort kennenlernen durfte – Elisabeth, Ellen und Rolf, und vielen anderen – bin ich von Herzen dankbar. Und meinen Eltern, die mir diese Reise und die Ausbildung ermöglicht haben, werde ich nie genug danken können.

Vielleicht kehre ich eines Tages nach Lanzarote zurück. Wer weiss.

Aus heutiger Perspektive

Dieser Blog erinnert mich daran, dass die scheinbaren Umwege im Leben oft die wichtigsten Schritte waren. Ohne ME/CFS wäre ich nie auf Lanzarote gewesen. Ohne Lanzarote hätte ich Ellen nie kennengelernt. Ohne Ellen wäre ich nie Naturheilpraktikerin geworden.

Heute arbeite ich als Coach – und begleite Menschen mit ME/CFS und Long Covid auf ihrem Weg. Dass ich selbst diesen Weg kenne, macht den Unterschied.

Ich bin immer noch auf meinem Recovery-Weg. Aber ich gehe ihn – Schritt für Schritt, mit Dankbarkeit für alles, was mich hierher gebracht hat.

Mehr zur 1:1 Begleitung bei ME/CFS & Long Covid

Für Betroffene, die sich auf ihrem Weg Unterstützung wünschen – persönlich, behutsam, in deinem Tempo.

  • Ich leide seit über 13 Jahren an Me/cfs und anderen Erkrankungen. Bin dadurch leider sehr früh Invalide geworden und konnte meinen Beruf als Krankenpflegerin nicht mehr ausüben. Ich träume schon ewig davon am Meer zu leben aber die Sorge dort keine guten Ärzte zu finden hat mich immer in Luxemburg gehalten. Nicht das wir hier wierklich viele Ärzte haben die diese Erkrankung kennen. Aber das ungewisse wie es in einem anderen Land oder Insel sein wird hat mich stets zurück gehalten.
    Ich wünsche dir alles Liebe für deine weitere Zukunft. Liebe Grüsse Katja aus Luxemburg

    • Liebe Katja
      Vielen Dank für deinen berührenden Kommentar. Mein herzliches Mitgefühl. Es ist eine grosse Herausforderung, schon so lange ME/CFS und anderes zu haben.
      Dein Traum am Meer zu leben hört sich wundervoll an (ich kann natürlich auch deine Bedenken total gut nachvollziehen) – ich wünsche dir sehr, dass er sich irgendwann erfüllt.
      Ein Spruch, der mir persönlich in vielen Situationen Kraft gibt und mir hilft: „May your choices reflect your hopes, not your fears.“
      Ich wünsche auch dir von Herzen alles alles Gute. Liebe Grüsse nach Luxemburg, Anna 💖

  • Liebe Anna

    Dieser Text berührt mich sehr stark. Unglaublich wie sich alles gefügt hat in Lanzarote. Trotz gesundheitlich massiven Problemen. Du scheinst eine gute Intuition zu haben wer dir gut tut und was dir helfen kann. Und dich im Vertrauen auf Neues immer wieder zuversichtlich vorwärts bewegen zu können. Wahre Stärke 💗

    Liebe Grüsse

    Nicole

    • Liebe Nicole,

      oh, jetzt hast du mich ganz gerührt mit deinen Worten, vielen Dank. 🙏💖

      Ich hatte tatsächlich in meinem Leben immer wieder unglaubliches Glück und bin immer wieder wunderbaren Menschen oder neuen Wegen und Möglichkeiten begegnet, auch in herausforderndsten Zeiten. Dafür bin ich zutiefst dankbar.

      Liebe Grüsse und alles Liebe,
      Anna

      • Liebe Anna, mir sind die Tränen gelaufen beim Lesen. Es berührt mich sehr, dass du nie aufgegeben hast. Ich wünsche dir das du diese innere Kraft und Stärke nie verlierst. Danke durfte ich dich kennenlernen.
        Herzlichst Anja

        • Liebe Anja,

          Ganz herzlichen Dank für deine berührenden Worte und die guten Wünsche.

          Ich finde es auch sehr schön, dass wir uns kennenlernen durften.

          Ich wünsche dir von Herzen viel Zuversicht, Kraft und eine schnelle Genesung.

          Alles Liebe
          Anna

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