Kennst du das Gefühl, durch den eigenen Tag zu hetzen – nicht weil du es willst, sondern weil es sich einfach so anfühlt, als müsstest du mithalten? Mit den Aufgaben, den Erwartungen, dem eigenen inneren Antreiber?
Bei ME/CFS und Long Covid ist dieses Tempo oft besonders tückisch. Nicht weil man so viel tut. Sondern weil das Nervensystem im Inneren auf Hochtouren läuft, auch wenn der Körper längst stillhält.
Das Nervensystem versteht keine Worte – aber es versteht Rhythmus
Du kannst dir noch so oft sagen: Ich bin sicher. Alles ist gut. Wenn deine Bewegungen gehetzt sind, wenn du beim Zähneputzen schon an das nächste denkst, wenn du die Tasse hinstellt wie jemand, der keine Zeit hat – dann hört dein Nervensystem genau das: Wir sind im Stress. Wir müssen schnell sein. Gefahr.
Das klingt vielleicht übertrieben. Ist es aber nicht.
Dein autonomes Nervensystem orientiert sich ständig an dem, was du tust – nicht nur an dem, was du denkst. Tempo, Atem, Muskelspannung, Blickrichtung – all das sind Signale, die dein Nervensystem sekündlich auswertet und interpretiert. Und wenn diese Signale sagen Eile, dann bleibt der Körper in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Auch wenn du eigentlich nur Kaffee kochst.
Was passiert, wenn du bewusst verlangsamst?
Stell dir vor, du machst genau das – du verlangsamst eine ganz gewöhnliche Alltagshandlung. Nicht dramatisch. Nicht meditativ übertrieben. Einfach ein bisschen bewusster, ein bisschen ruhiger.
Du wäschst das Geschirr – und nimmst dir die Zeit, das Wasser auf deinen Händen zu spüren. Du ziehst dich an – und tust es, als hättest du alle Zeit der Welt. Du isst – und kaust wirklich, schmeckst wirklich, bist wirklich dabei.
Was passiert in diesen Momenten? Dein Nervensystem empfängt ein neues Signal: Wir sind sicher. Wir haben Zeit. Es besteht kein Grund zur Eile.
Das ist keine Kleinigkeit. Das ist Regulation – direkt über die Körpersprache, die du dir selbst gegenüber verwendest.
Drei Alltagsmomente zum Üben
Du musst dafür nichts Neues in deinen Tag einbauen. Nutze einfach das, was sowieso schon da ist:
Morgens aufstehen: Bevor du das erste Mal aufstehst, nimm dir einen Atemzug. Nur einen. Bewusst. Damit beginnst du den Tag nicht im Automatismus, sondern im Kontakt mit dir.
Beim Essen: Leg das Besteck nach dem ersten Bissen kurz hin. Kau. Atme. Nimm den nächsten Bissen erst, wenn du wirklich bereit bist. Essen ist für das Nervensystem ein Sicherheitssignal – aber nur, wenn du wirklich anwesend bist.
Beim Übergang zwischen zwei Aufgaben: Statt direkt von einer Sache zur nächsten zu wechseln, gönn dir eine kurze Pause dazwischen. Drei Atemzüge. Ein Moment des Nichts. Dein Nervensystem braucht diese kleinen Übergänge, um sich neu zu orientieren.
Warum das bei ME/CFS und Long Covid besonders wichtig ist
Bei chronischer Erschöpfung ist das Nervensystem oft über lange Zeit in einem Zustand der Überaktivierung – oder pendelt zwischen Anspannung und totalem Zusammenbruch. Verlangsamung ist in diesem Kontext keine Faulheit und kein Rückzug. Sie ist aktive Regulation.
Jedes Mal, wenn du bewusst das Tempo herausnimmst, sendest du deinem Körper eine neue Botschaft: Du musst nicht kämpfen. Du musst nicht fliehen. Du darfst hier sein.
Das klingt einfach. Und manchmal ist es das auch.
Aber manchmal – gerade an schwierigen Tagen – ist es das Mutigste, was du tun kannst.
Eine Einladung
Wähle heute eine einzige Alltagshandlung aus – nur eine – und tue sie bewusst langsamer als sonst. Nicht als Experiment, sondern als Geschenk an dein Nervensystem. Und dann schau, was passiert.
Mehr zur 1:1 Begleitung bei ME/CFS & Long Covid
Für Betroffene, die sich auf ihrem Weg Unterstützung wünschen – persönlich, behutsam, in deinem Tempo.



Liebe Anna, so wahr!