Gefühlt habe ich in den letzten 25 Jahren jeden Stein umgedreht, um wieder mehr Gesundheit und Lebensqualität zu finden. Denn wenn der eigene Alltag über Jahre von Krankheit bestimmt wird, wünscht man sich nichts sehnlicher als wieder mehr am Leben teilnehmen zu können.
Vor einigen Jahren stiess ich auf den Mind-Body-Ansatz, der mir so viel Sinn gemacht hat. Ich begann, intensiv damit zu arbeiten.
Aber irgendwann begann ich, mich etwas zu fragen. Vielleicht kennst du diesen Gedanken ebenfalls? Du machst Somatic Tracking, übst Achtsamkeit oder arbeitest mit deinem Nervensystem. Gleichzeitig hörst du in der Welt des Brain Retrainings oder der Nervensystemregulation immer wieder Sätze wie: «Mach die Übungen nicht, um deine Symptome loszuwerden. Akzeptiere, was gerade da ist.»
Und irgendwann taucht fast automatisch die Frage auf: "Moment mal … ich mache das doch genau deshalb. Ich möchte gesund werden. Ist das jetzt falsch? Ist das nicht ein Widerspruch?"
Diese Frage hat mich selbst lange beschäftigt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich mich in einem Dilemma befinde: Einerseits wollte ich gesund werden und die Symptome loswerden, andererseits hörte ich immer wieder, ich solle genau diesen Wunsch loslassen. Für mich fühlte sich das wie ein Widerspruch an.
Ich glaube, die wenigsten von uns beginnen mit Somatic Tracking, weil sie einfach ein neues Hobby suchen. Wobei – vielleicht gehörst du ja tatsächlich zu dieser seltenen Ausnahme, zwinker. Wir machen sie, weil wir leiden und uns nach Veränderung sehnen. Wir wünschen uns weniger Schmerzen, weniger Erschöpfung und mehr Lebensqualität. Wir möchten wieder am Leben teilnehmen können.
Ist dieser Wunsch also ein Problem? Sende ich meinem Nervensystem damit genau das falsche Signal?
Im Brain Retraining wird oft betont, dass wir nichts "reparieren" müssen. Dass wir nicht kaputt sind. Dass wir unserem Gehirn nicht ständig vermitteln sollten: Mit mir stimmt etwas nicht.
Gleichzeitig investieren wir Zeit, Energie und manchmal auch viel Geld in Kurse, Coachings oder Übungen. Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Wenn ich doch gesund werden möchte – versuche ich dann nicht genau das: etwas zu reparieren?
Mit der Zeit habe ich verstanden, dass dabei etwas Entscheidendes oft übersehen wird.
Nicht das Ziel ist entscheidend – sondern der Weg dorthin
Gesund werden zu wollen, ist meiner Meinung nach nichts Schlechtes – im Gegenteil. Es wäre wohl eher ungewöhnlich, wenn jemand mit einer chronischen Erkrankung sagen würde: «Eigentlich möchte ich gar nicht gesund werden.»
Der Wunsch nach Heilung ist zutiefst menschlich. Und auch gut, denn er schenkt uns Mut und Kraft, weiterzumachen, auch wenn der Weg von so vielen Herausforderungen gepflastert ist.
Viel wichtiger ist für mich eine andere Frage:
Aus welchem inneren Zustand heraus gehe ich meinen Weg?
Unser Nervensystem reagiert nämlich nicht nur auf das, was wir tun, sondern auch darauf, aus welcher Haltung heraus wir handeln.
Zwei Menschen – dieselbe Übung
Stell dir zwei Menschen vor. Beide machen dieselbe Somatic-Tracking-Übung. Beide wünschen sich weniger Symptome und mehr Lebensqualität. Von aussen betrachtet machen beide genau dieselbe Übung. Der Unterschied liegt nicht im Verhalten, sondern in der inneren Haltung, mit der sie die Übung machen.
Die erste Person denkt: "Bitte lass dieses Symptom endlich verschwinden. Ich halte das nicht mehr aus. Ich muss etwas finden, das endlich funktioniert."
Die zweite Person denkt: "Ich wünsche mir Gesundheit. Und gleichzeitig möchte ich meinem Nervensystem heute etwas Sicherheit schenken. Ich bin neugierig, wie mein Körper heute reagiert."
Und auch wenn sie dieselbe Übung machen, der innere Zustand ist dabei ein völlig anderer. Bei der ersten Person begleiten Angst, Druck und Dringlichkeit die Übung. Bei der zweiten Person Neugier, Geduld und Vertrauen.
Ich glaube, genau das macht für unser Nervensystem einen grossen Unterschied. Denn unser Nervensystem hört nicht nur auf das, was wir tun, es hört auch darauf, wie wir etwas tun.
Wenn jede Übung von innerem Druck begleitet wird – "Das muss jetzt endlich wirken!" –, kann genau dieser Druck selbst wieder zu einem Stresssignal werden.
Nicht, weil mit der Übung etwas nicht stimmt. Sondern weil unser Körper die unterschwellige Botschaft wahrnimmt: "Es ist etwas ganz Schlimmes los. Wir müssen das sofort lösen." Diese Botschaft kann das Gefühl von Bedrohung oft ungewollt aufrecht erhalten.
Ein Bild, das mir hilft
Manchmal stelle ich mir ein verängstigtes Tier vor.
Wenn ich unbedingt möchte, dass es sich sofort beruhigt, werde ich wahrscheinlich selbst angespannt. Auch wenn ich freundlich spreche. Denn das Tier spürt meine Anspannung.
Bin ich dagegen selbst ruhig, geduldig und präsent, vermittle ich Sicherheit. Es sind nicht nur meine Worte, die etwas verändern. Sondern mein eigener Zustand.
Ich glaube, mit unserem Nervensystem ist es ähnlich.
Manchmal entsteht der Eindruck, wir müssten uns von unserem Wunsch nach Verbesserung und Gesundwerden verabschieden. Das glaube ich nicht. Es ist aus meiner Sicht gut und wichtig ganz ehrlich und authentisch zu sagen:
"Ja, ich möchte gesund werden. Ja, ich wünsche mir weniger Symptome. Ja, ich hoffe auf mehr Lebensqualität."
Der Unterschied liegt darin, ob dieser Wunsch von Vertrauen oder von Angst getragen wird. Natürlich gelingt uns das nicht immer. Gerade an schwierigen Tagen sind Angst, Verzweiflung oder Ungeduld völlig menschlich. Es geht nicht darum, diese Gefühle wegzudrücken. Sondern immer wieder liebevoll zu bemerken, aus welcher Haltung heraus wir gerade handeln.
Vielleicht ist das der Mittelweg
Für mich hat sich der Blick auf mein Nervensystem im Laufe der Zeit verändert. Früher hatte ich oft das Gefühl, mit meinem Körper stimme etwas nicht. Heute sehe ich das anders. Ich glaube nicht mehr, dass mein Körper kaputt ist. Vielmehr hat mein Nervensystem über viele Jahre gelernt, manche Situationen oder Körperempfindungen vorschnell als Bedrohung einzuordnen. Und genau das lässt sich – Schritt für Schritt – wieder umlernen.
Und ganz ehrlich, bis heute ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich Übungen aus Druck oder Pflichtgefühl mache. Dann erinnere ich mich wieder an diesen Gedanken – und versuche, einen Schritt zurückzutreten.
Mein Fazit
Meiner Meinung nach geht es also nicht darum, den Wunsch nach Gesundheit loszulassen.
Sondern vielleicht geht es vielmehr darum, den Druck loszulassen, der oft mit diesem Wunsch verbunden ist.
Wenn ich auf die letzten 25 Jahre zurückblicke, würde ich mit Sicherheit immer wieder nach Wegen suchen, die mich meiner Gesundheit näherbringen. Daran hat sich nichts geändert.
Was sich verändert hat, ist die Art, wie ich suche und Dinge umsetze.
Nicht mehr aus dem Gefühl heraus, dass mit mir etwas nicht stimmt oder ich meinen Körper möglichst schnell reparieren muss. Und immer seltener aus einem Gefühl von Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit oder Angst.
Sondern immer öfter mit Vertrauen und aus einer liebevollen Haltung: Mein Nervensystem darf lernen, wieder mehr Sicherheit zu erleben.
Vielleicht ist genau das der Unterschied.
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